Das vergessene Gebot - Rezension Nele Table

2011-03-13 16:04

Am Anfang stand für mich die Frage: Warum schreibt ein Jurist ein Buch über die Bibel? Bleistift, Papier, Bibel und Konkordanz griffbereit fing ich an zu lesen und konnte nicht mehr aufhören, bis ich am Ende die Antwort fand:
Günther Rudolf kommt zu dem Schluss, dass die Bibel ein verfassungswidriges Pamphlet sei und auf die Liste der "Jugendgefährdenden Schriften" gehöre. Was im Klartext nichts anders bedeutet, als dass die Bibel nach den Gesetzen unseres Staates aus dem Verkehr gezogen werden müsste. Ganz ehrlich, bei allen Vorbehalten gegenüber der Kirche, SO habe ich das noch nie gesehen.
Seine Beweisführung scheint für mich - mit meinen laienhaften Kenntnissen sowohl auf juristischem als auch theologischem Gebiet - lückenlos, und ich frage mich, weshalb noch nicht längst ein Mensch versucht hat, die Bibel in unserem Staat verbieten zu lassen, und eine entsprechende Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht hat.
Angeblich sollen Juristen ja eine trockene und stinklangweilige Sprache haben. Der Autor beweist das Gegenteil. Locker, flott und teilweise recht witzig dröselt er die Bibel Stück für Stück auf. Über Deborahs Mann, einen Herrn namens Lappidot, vermerkt er kurz und knapp, "nomen est omen". Der Ehemann war wohl ein "Waschlappen", anderenfalls wäre Deborah wohl nie zu einer Führerin Israels geworden. 
"Frauen sind nur halb so viel wert wie Männer, siehe Preisliste im 3. Buch Moses", heißt es an anderer Stelle.
Mehr als einmal musste ich laut lachen, dabei war der Text insgesamt überhaupt nicht zum Lachen. Der ach so fromme Lot bot randalierendem Mob seine Töchter zur Vergewaltigung an. Moses ließ kurzerhand mal 100000 Frauen ermorden, Jakob kaufte sich gleich zwei Ehefrauen, auch wenn er nicht mit Geld, sondern mit Diensten bezahlte. - Völkermord, Aufschlitzen schwangerer Frauen, Entführung - Gewaltverbrechen an Gewaltverbrechen prägt die Heilige Schrift. Frauen werden pauschal als Dirnen bezeichnet und auch schon mal mit Schweinen verglichen.
Eva scheint strohdumm gewesen zu sein, heiliges Fleisch war zu gut für die Mägen unreiner Weiber - kein Wunder, wenn Frauen Vegetarierinnen werden. Und während selbst dem Esel ein freier Tag zugestanden wird, muss die Frau ununterbrochen arbeiten - nichts Neues für berufstätige Mütter.
Mehr als aufschlussreich sind auch die Anmerkungen über die Kirche nach Jesus: Da beschloss eine Synode im 4. Jahrhundert, dass Frauen weder Briefe schreiben noch empfangen dürften. Hundert Jahre zuvor verkündete ein gewisser Johannes Sowieso, seines Zeichens ein Kirchenvater: "Frauen sind dazu bestimmt, die Geilheit der Männer zu befriedigen."
"Die Frau ist ein Missgriff der Natur. Mit ihrem Feuchtigkeitsüberschuss und ihrer Untertemperatur körperlich und geistig minderwertiger. Sie ist eine Art verstümmelter, verfehlter, misslungener Mann", verkündete der Heilige Thomas von Aquin und setzte noch eins drauf: "Ein männlicher Fötus ist nach vierzig Tagen ein Mensch, ein weiblicher nach 80 Tagen. Mädchen entstehen durch schadhaften Samen oder feuchte Winde..."
Der kürzlich verstorbene Papst Johannes Paul II hielt Selbstbefriedung von Frauen für eine Todsünde, während sie für Männer ein notwendiges Übel sei... Von Luthers verbalen Ausfällen gegenüber Frauen will ich hier gar nicht reden. Katharina scheint ihm ziemlich zugesetzt zu haben und irgendwo musste der arme Mann sich ja abreagieren.
Trotzdem, mit der Unterzeile bin ich nicht einverstanden. Gott unterdrückt nicht die Frauen - schließlich hat er sie nach seinem Ebenbild erschaffen. Aber vielleicht sollte er mal das sogenannte Buch der Bücher zur gründlichen Überarbeitung aus dem Verkehr ziehen. Damit wir dann, wie Jutta Voss schrieb "...einen Christus zu entdecken, der uns vorenthalten wurde, einen Christus ohne Machtansprüche, einen brüderlichen Bruder, der sich an seinen Schwestern freut und ihre Gaben genießt, einen Mann, der ein heiles und ganzheitliches Frauenbild in seiner Seele entwickelt hat"

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