Günther Rudolf: Das vergessene Gebot

2011-03-18 15:50

Günther Rudolf: Das vergessene Gebot

Männliche Willkür gegenüber Frauen, die durch religiöse und/oder weltliche Gesetze gerechtfertigt wird, hat einen erheblichen Teil der menschlichen Kulturgeschichte geprägt. Die Bibel - auch das Neue Testament - bildet diesbezüglich keine Ausnahme.  Sie entstand in einer Zeit, als das Patriarchat blühte und Frauen, wenn überhaupt, kaum mehr Wert hatten als ein Stück Vieh.


Günther Rudolf ist Jurist und als solcher ein Verfechter der Gerechtigkeit, die an sich auch zwischen den Geschlechtern herrschen sollte. Rudolf zeigt anhand zahlreicher Bibelstellen auf, wie im Buch der Bücher Frauen erniedrigt und gedemütigt werden, wobei der Missbrauch keine Grenzen kennt - ob Frauen nun als rechtlose Arbeitstiere verwendet werden, die ausdrücklich vom Sabbat-Ruhegebot ausgenommen sind, oder ungefragt zur Befriedigung des männlichen Sexualtriebs herhalten müssen.
Frauen können vom Mann von einem Augenblick zum anderen die Scheidung erhalten und werden somit in Armut und - wenn sie überleben wollen - in die Prostitution entlassen. Selbst können sie natürlich nicht die Scheidung verlangen. Wenn die junge Braut in der Hochzeitsnacht nicht gefällt, kann der Ehemann behaupten, sie sei keine Jungfrau gewesen, und prompt ist er sie los. Ein Reisender überlässt seine Nebenfrau einer Meute ihn bedrohender Männer, um seine eigene Haut zu retten, und nach Dauervergewaltigungen die Nacht hindurch bricht sie auf seiner Türschwelle tot zusammen, während der Reisende den erholsamen Schlaf der Gerechten schläft, wie ausdrücklich in der Bibel erwähnt wird. Dass es zu Kriegszeiten noch heftiger zur Sache ging, kann man sich denken oder auch gern beispielsweise in Num 31 nachlesen, wie Moses über 100.000 kriegsgefangene Frauen und Kinder töten ließ und 32.000 Jungfrauen seinen Soldaten überließ - es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich zu überlegen, welches Schicksal den Mädchen beschieden war.

Mit dem Gesetz der Logik untersucht Günther Rudolf die Schöpfungsgeschichte und weist nach, dass Eva gar nicht am Sündenfall schuldig sein kann, weil das Verbot, vom "Apfelbaum" zu essen, nur Adam gegenüber, in Evas Abwesenheit, ausgesprochen worden war. Ebenso betont Rudolf, dass in der Bibel zwei Versionen der Schöpfungsgeschichte ineinander verwoben sind, deren erste zwei gleichberechtigte Menschen entstehen lässt und nicht einen minderwertigen aus der Rippe des anderen.

Natürlich nimmt sich Rudolf auch das Neue Testament und seine Auslegung in späterer Zeit vor.  Er enttarnt den Apostel Paulus anhand von dessen Briefen als unverhohlenen Frauenfeind (Frauen haben zu schweigen und sich unterzuordnen) und zitiert einige der großen Kirchenlehrer, die alle Frauen in einer hasserfüllten oder verächtlichen Weise diskriminieren, dass einem schier die Haare zu Berge stehen. Den Höhepunkt stellen die Hexenverfolgungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit dar. Und Relikte dieses Denkens haben bis in unser Jahrhundert überlebt.

Nun kann man Günther Rudolf vorwerfen, dass gerade heute in anderen Kulturkreisen die Frauen wesentlich schlimmer dran seien als in unserer so aufgeklärten Gesellschaft, aber dies zu kritisieren ist nicht Ziel seines Buchs, in dem es um den mosaisch-christlichen Glauben auf der Basis der Bibel geht. Dabei achtet er immer darauf, seine Aussagen mit den entsprechenden Schriftstellen zu belegen. Auch wenn der Autor seinen Zorn über die Jahrtausende währenden Gräuel durchblicken lässt und sich wohl deshalb auch ein paar Mal wiederholt, gerät das Buch an keiner Stelle zu emotional oder gar unsachlich.
Als Frau finde ich es bemerkenswert, dass sich ein Mann so engagiert und dabei wissenschaftlich fundiert, ohne das sonst bei diesem Thema so häufige linksintellektuell-neomarxistisch-feministische und letztlich inhaltsleere Geschwätz, für die Rechte der Frauen einsetzt.
Übrigens bin ich bekennend katholisch und habe daher mit solcher Lektüre durchaus stellenweise Schwierigkeiten, bin aber immer offen für eine sachliche Diskussion, wie Günther Rudolf sie anbietet.


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