Rezession Gerstendörfer – Psychologin und Autorin

2011-03-13 16:01

Ob nun Zufall oder Fügung: Mitten hinein in die öffentlich dargestellte Leidens- und Sterbensgeschichte des Papstes erschien das Buch von Günther Rudolf. Der Autor ist gelernter Jurist.
Zum Zeitpunkt der Rezension ist der Papst gerade ein paar Tage tot. Aktueller kann man also kaum sein.
Der mediale Hype um die Person dieses Papstes ist ungeheuer. Es ist nahezu unmöglich, sich dem zu entziehen. Manchen Menschen ist der Hype freilich nicht ganz geheuer... Doch die kommen kaum zu Wort; zumindest nicht öffentlich. Der vorliegende Titel schafft hier Abhilfe.

Auf ungefähr 150 Leseseiten beschäftigt sich der Jurist Günther Rudolf mit dem in der Bibel propagierten Frauenbild, mit den dort festgeschriebenen Vorgaben und Leitsätzen, wie man Frauen zu behandeln habe - und mit den Auswirkungen auf ganz reale Frauen in Vergangenheit und Gegenwart. Es ist eine Untersuchung der Ursachen der Frauendiskriminierung, die ihren Ursprung in der Bibel nahm und bis in die Neuzeit fortdauert.
Im ersten Kapitel geht es um die unterschiedlichen Systeme des Matriarchats und des Patriarchats. Gesellschaftsformen und Menschenbilder, denen eine völlig andere Philosophie zugrunde liegt, wie er glaubhaft darstellen kann.
In der von der patriarchalen Philosophie geprägten Bibel ist die Frau von Anfang an nichts weiter als ein minderes Wesen (ein „arges Ripp“), ein Brutkasten, „Ein notwendiges Übel zur Erhaltung des Volkes“, eine Art Tier ohne Rechte, das bei Nichteinhaltung der Vorgaben z.B. auf bestialische Weise gesteinigt wird; in jedem Falle der totalen Kontrolle ausgeliefert ist, was man am Beispiel der „Bedingung der Jungfräulichkeit“ bis heute nachweisen kann. Rudolf zeigt auf, dass man bei der Übersetzung des biblischen Urtextes sogar vor Textfälschungen nicht zurückschreckte, wenn der „Urtext eine Frau zu hoch erhob“. So wird aus Junia eben flugs ein Junias.
Schon in diesem ersten Abschnitt stellt der Autor die wichtige Frage, wie es sein kann, dass nicht nur Männer dieses Unterdrückungssystem am Leben erhalten, „sondern auch gerade eine Unzahl von Frauen selbst, auch in der aufgeklärten westlichen Welt, die sich durchaus auch heute noch als Untertaninnen des beherrschenden Mannes sehen und diesen Zustand nach wie vor als selbstverständlich und richtig gern und folgsam hinnehmen“. Rudolf bezeichnet dies als erfolgreiche Gehirnwäsche. Und:
„Genau in diesen Rahmen passt die Erklärung von Papst Johannes Paul II.: Weibliche Selbstbefriedigung ist eine Todsünde, männliche aber wird von der Kirche als notwendig geduldet! Wohlgemerkt, das hat der Papst um die Wende vom 2. zum 3. Jahrtausend erklärt.“

Im zweiten und längsten Kapitel nimmt sich der Jurist die Beweisführung vor. Mit zahlreichen Zitaten aus dem Alten Testament legt er den Finger ‚in die Wunden’, weist auf Widersprüche und glatte Falschmeldungen hin. Angefangen vom angeblichen Sündenfall durch Eva – über die geschlechtsspezifisch gehandhabte Sippenhaft oder den Wert eines Fötus (je nach Geschlecht!) – bis hin zu dem frommen Lot, der seine jungfräulichen Töchter einer randalierenden Meute anbot oder dem berühmten Moses, der über 100.000 Frauen ermorden ließ und 30.000 Jungfrauen zur Vergewaltigung freigab.
Wer das nicht glauben mag, schlage die eigene Bibel auf.
Auch Problematiken, die uns bis heute plagen, werden aus dieser Quelle zitiert und analysiert: Ehescheidung, Vergewaltigung in der Ehe, die Rechte „fremdländischer“ Ehefrauen und und...
Doch damit nicht genug. So schnell entlässt uns der engagierte Jurist nicht und knöpft sich das Neue Testament vor. „Frauen haben zu schweigen“; nicht nur in der Kirche, aber besonders dort; ein „Gebot“, das auch vom kürzlich verstorbenen Superstar-Papst immer wieder erneuert wurde...

„Die Frau der Bibel ist ein Nichts“!

Auch die „sonstigen Beweise und Hinweise“ dieses Kapitels sind spannend und lehrreich. Es geht um Erbrecht, Vielweiberei und ungehorsame Frauen. Da mag Mancher fragen, was all das mit Heute zu tun habe? Der Fragende hat jedoch keine Chance, denn Rudolf stellt immer die Bezüge zur Gegenwart her. Genau das macht diese Buch zu weit mehr als einem Nachschlagewerk für frauenfeindliche Zitate.

Im dritten Kapitel beschäftigt er sich schließlich explizit mit den Zeiten nach der Bibel und stellt die Frage: „Hat sich etwas gebessert?“ Die Antwort fällt ernüchternd aus. Die Beschreibung und Analyse der Hexenverfolgung steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Botschaften, wie sie im „Buch der Bücher“ niedergeschrieben sind. Eine geradezu logische Folge! Auch der Keuschheitsgürtel – „das Gefängnis für den weiblichen Unterleib“ -, die „Erziehung der Ehefrau mit Stock und Peitsche“, die lesbische Liebe und die Vergewaltigung in der Ehe sind heute wie damals so genannte Frauenthemen...
Der Autor lässt es nicht bei Beweisen und Analysen. So fordert er beispielsweise, dass die Männer ihr „abartiges Denken“ endlich aufgeben. Und dieses elfte Gebot müsse deutlich benannt werden:
„Es müsste vollständig heißen: ‚Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, aber ihr Männer, unterwerft euch auch die Frauen!’ Das ist nämlich die Botschaft der Bibel, eine Botschaft, welche die Kirche übernommen hat. Das ist das elfte, das vergessene Gebot, welches versehentlich oder viel wahrscheinlicher bewusst nie niedergeschrieben wurde.“

Und er geht noch weiter und stellt die Frage, ob die Bibel nicht eine verfassungswidrige und jugendgefährdende Schrift für die Schule sei? In der Tat kann niemand behaupten, dass das „Buch der Bücher“ harmonisch auf unser Grundgesetz oder die Menschenrechtskonventionen abgestimmt ist. Danach sind Männer und Frauen nämlich gleichberechtigt. Zumindest theoretisch.
Am Ende stellt der Autor auch die Frage nach dem Erfolg der Bemühungen um Gleichberechtigung. Seine Antwort lautet:
„Nein! Ganz einfach: Nein! Versuche sind da, Erfolge so gut wie keine“ .

Seine Forderung nach einer Entschuldigung der beiden christlichen Kirchen gegenüber den Frauen - rundet das Buch in seiner konsequent geführten Beweisführung mit ebenso konsequenten Forderungen ab.

Abschließende Bewertung: Der Autor gehört offensichtlich zu der seltenen Spezies der Freigeister; Menschen, die sich nicht beirren oder einschüchtern lassen. Dem Buch ist eine sehr, sehr breite Leser/innenschaft zu wünschen!

© Monika Gerstendörfer

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